Die Frage nach der „Trefferquote“: Wie wahr ist Kartenlegen?
Wenn es um das Thema „Kartenlegen als Zukunftsvorhersage“ geht, ist oftmals eine bestimmte Frage wichtiger als alle anderen: die Frage nach dem tatsächlichen Eintreffen von Ereignissen. Kommt es bald wirklich zur Trennung? Findet „er“ wieder zu mir zurück? Ruft mich mein neuer Bekannter heute noch an, um das Wochenende mit mir zu verbringen? Die sogenannte „Trefferquote“, mit der esoterische Berater oft werben, soll den Kunden anzeigen, wie hoch die Quote der tatsächlich eingetroffenen Ereignisse und Situationen ist, die ihrer Zukunfts-Prognose entstammen. Viele Menschen, die haupt- oder nebenberuflich in der esoterischen Lebensberatung tätig sind, werben mit ihrer hohen Trefferquote und geben an, dass sie zu 80%, zu 90%, zu 95% oder sogar höher richtige Ergebnisse erzielen. Doch wie kann eine so hohe Trefferquote überhaupt zustande kommen, oder anders gefragt: wie wahr ist das Kartenlegen wirklich?
„Das Kartenlegen als Orakel ist erfahrungsgemäß sehr wahr und hat dadurch schon vielen Menschen geholfen, und das ist auch möglich, wenn man berücksichtigt, dass alle Ereignisse – die vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen – in diesem Moment erfassbar sind und von einem hellsichtigen Menschen auch mitgeteilt werden können. Die Inder sagten gern „Akasha-Chronik“ dazu, das ist eine unsichtbare, aber wirkende Bibliothek der Ereignisse von Anbeginn der Geschichte bis auf den heutigen Tag, und darüber hinaus in die Zukunft. Wer hellsichtig ist, vermag in der Akasha-Chronik zu lesen wie in einem offenen Buch. Doch auch esoterische Lebensberater, die nicht hellsichtig sind, sondern „nur“ ihre Karten beherrschen – was aber bereits eine Kunst für sich ist – können mit ihren Deutungen überraschende Erfolge erzielen und zukünftige Ereignisse tatsächlich richtig voraussagen. Wie das geschehen kann, ist wissenschaftlich gesehen noch umstritten, doch dass es funktioniert, beweisen die Heerscharen faszinierender Experten auf diesem Gebiet, die nicht umsonst zunehmend mehr ratsuchende Kunden haben.“
So äußert sich die Beraterin Elise, ihres Zeichens eine erfahrene hellsichtige Kartenlegerin aus der dritten Generation einer Familie kartenlegender „weiser“ Frauen. Doch auch Elise tut sich trotz all ihrer Erfahrung etwas schwer, das Zustandekommen der richtigen Ergebnisse zu erklären. „Man fühlt es eben“, „es stellt sich plötzlich ein“, „man hat spontan die Eingebung, was als Nächstes kommt“, nun, das sind Erfahrungstatsachen seitens der Berater, doch welche Erklärung stellt sich wissenschaftlich dar? Grundsätzlich kann man festhalten, dass das Kartenlegen am ehesten mittels der modernen Psychologie zu erklären ist, und zwar im Zusammenhang mit der allgemeinen Humanpsychologie und auch der aktuellen Testtheorie. Das Deuten der Zukunft aus den Karten – Skat, Lenormand, Kipper, Tarot oder anderen Systemen – stellt psychologisch gesehen eine Art „projektiven Test“ dar, der gute bis hervorragende Ergebnisse zeigen kann. Sie kennen wahrscheinlich den bekanntesten projektiven Test, den sogenannten Rohrschach-Test: er besteht aus Tintenklecksen, die ein bestimmtes aber nicht eindeutiges Muster aufweisen, und der Klient wird dann aufgefordert, das Muster zu deuten und zu erklären, was er darin erkennt. Aus den Deutungen des Klienten wird beim Rohrschach-Test eine Analyse seiner Befindlichkeit erstellt, indem der Psychologe versucht, die Testantworten in ein sinnvolles System zu bringen, welches den Vorstellungshorizont des Klienten und mögliche Probleme und Chancen erhellt.
Beim Kartenlegen ist es im Grund ähnlich wie bei einem solchen Test: zwar sind die Bilder auf den Kartendecks keine bloßen Kleckse, sondern mehr oder weniger detaillierte Szenen aus dem täglichen Leben oder allgemeine Symbole, doch das Deuten aus den Bildern ist ähnlich wie bei einem projektiven Test.
Der Kartenleger liest sich sozusagen selbst, indem er seine Erfahrung, seine Lebensweisheit, seinen Vorstellungshorizont und seine Werte mit einfließen lässt in die Bildwelt der Karten, und daraus eine Deutung für die Zukunft des Klienten erstellt. So erklärt sich nicht nur die hohe Trefferquote, sondern auch der Umstand, dass viele Menschen einen erfahrenen Kartenleger einem Anfänger auf diesem Gebiet vorziehen – nicht nur, weil der Ältere mehr Erfahrung mit den Karten hat, sondern auch, weil er mehr Erfahrung im Leben selbst hat, welche hilfreich in die Deutung mit einfließen kann. Jedoch ist das Kartenlegen als Orakel auch wesentlich mehr als das, was der Deuter sozusagen selbst subjektiv hinein interpretiert durch seine eigene Lebensgeschichte, denn die Karten selbst haben eine bestimmte objektive Bedeutung, die auch unabhängig vom esoterischen Berater existiert.
Wenn man die Bildreihen etwa des Tarots betrachtet, so ist eine Geheimlehre darin verborgen, die mystisch-okkulte Grundzüge hat und für einen Kenner den inneren Erleuchtungsweg der menschlichen Seele darstellt: Trumpfkarten wie Die Hohepriesterin, Die Liebenden oder auch Das Rad des Schicksals deuten schon an, dass es sich beim Tarot um ein ausgeklügeltes System von Welt- und Selbstdeutung handelt, das einen erfahrenen Kartenleger als Deuter und Interpreten benötigt, damit seine Botschaften richtig beim Ratsuchenden ankommen. Doch auch andere Kartendecks wie Skat oder Lenormand haben nicht nur beliebigen Spielcharakter, sondern vermögen es, Lebenssituationen recht genau abzubilden und einen Bildreigen zu erstellen, der bis in die Zukunft reicht. Bedenkt man nun, dass ein Ratsuchender in der Regel in einer akuten Krisen- oder Entscheidungssituation ist und eine Hilfe benötigt, so kann die Bildwelt der Karten tatsächlich dazu beitragen, dass zunächst einmal die eigene Situation genau erfasst und analysiert wird und dann auch wahre Ereignisse in der Zukunft erkannt werden.
Das wiederum ist möglich, weil die Bildkarten einerseits mit dem persönlichen Unterbewusstsein des Ratsuchenden korrespondieren – man liest also sozusagen auch im Unterbewussten des Gegenübers – und zum anderen, weil es Zeit in unserem linearen Verständnis in der geistigen Welt nicht gibt. Dieser letzte Punkt ist sehr interessant, denn er beweist, wie gültige Prognosen überhaupt zustande kommen und weshalb wir als Menschen nicht immer im Bewusstsein der Gegenwart verbleiben müssen. Dies wiederum kann Beraterin Elise sehr gut erklären: „Wenn wir Karten legen in der esoterischen Lebensberatung, dann dienen diese Karten oft als Mittler zur geistigen Welt. Die geistige Welt ist keine von uns völlig getrennte, abgehobene Sphäre, sondern sie ist eine andere Ebene der Wahrnehmung, die aber gleichsam immer da ist, so wie etwa auch die Sonne immer da ist, auch wenn wir sie nicht immer sehen. Die geistige Welt hat keine derart lineare Vorstellung von Zeit wie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die gleichsam wie drei getrennte Blöcke nebeneinander und hintereinander existieren. Vielmehr ist jetzt, in diesem Moment, alles da, was jemals war, ist und was sein wird. Dadurch werden Blicke in die Zukunft möglich. Und wir als Kartenleger reisen sozusagen auf den Flügeln der Karten, indem wir uns in ihre verzauberte Bildwelt entführen lassen, mittels unserer Intuition in die geistige Welt und nehmen von dort zutreffende Aussagen über die Zukunft mit.“
Die intuitive Reise in die geistige Welt auf dem „fliegenden Teppich“ der Karten: ein wunderschöner Satz von Beraterin Elise, und ein sehr glaubwürdiger dazu, denn ihre eigenen Erfolge als Kartenlegerin mit überragender Trefferquote geben ihr Recht. Doch ein wenig Rätsel und Geheimnis bleibt trotz aller psychologischen Deutungsversuche, denn wie könnte sich die hohe Trefferquote mancher Kartenmedien anders erklären lassen, als durch das Übersinnliche....
