Ein Orakel mit langer Geschichte: Woher kommt eigentlich das Kartenlegen?

In der Antike war das Orakelwesen eine besondere Kunst, die nur von ausgewiesenen Sehern, Priestern oder Weisen ausgeübt werden durfte. Denn der Orakelkundige stand – einem alten Glauben zufolge – mit den Göttern selbst in Kontakt, entweder mit dem ganzen Pantheon, oder mit einem spezifischen Gott, der über ein Heiligtum wachte, in dem der berühmte Blick in die Zukunft ausgeführt wurde. Heute befragt jedoch niemand mehr die Götter um Rat, wenn es darum geht, einen Blick in die kommenden Tage und Wochen zu erhaschen.

 

                                         

 

Das Kartenlegen als Rat in akuten Lebenslagen ist die Neuauflage der antiken Orakel bei drängenden Lebensfragen, und die moderne Pythia sitzt heute am Telefon eines Portals für esoterische Lebensberatung und berät ihre Klienten, die gerade jetzt Einblicke in die Zukunft erhalten wollen. Doch vom Wahrsagen aus dem Rauch über der mystischen Schwelle im Apollo-Tempel von Delphi bis hin zu den handlichen Karten von Skat oder Tarot, deren bunte Bildwelt uns die Zukunft erhellen soll, war es ein weiter und nicht unkomplizierter Weg, der voller Gefahren und Rätsel war und teilweise noch ist. Wir wollen im Folgenden einige faszinierende Etappen dieser Entwicklung nachvollziehen und so Schritt für Schritt erfahren, wie sich der privilegierte Blick aus den Karten eigentlich aus den historisch älteren Orakeltechniken entfaltet hat und warum dieser Weg folgerichtig bis zur heutigen Praxis des allgegenwärtigen Zukunftsblicks aus dem Kartenbild geführt hat. Willkommen also bei unserer kleinen Kulturgeschichte der Orakel…

 

                                       

 

Die ältesten bekannten Spielkarten sind die Tarot-Karten: sie kamen im 16. Jahrhundert in Oberitalien auf und wurden wahrscheinlich zuerst wirklich nur zum Spielen, weniger zum Orakelsehen benutzt. Die insgesamt 78 Tarot-Karten, unterteilt in 22 große Trumpfkarten und 56 sogenannte kleine Arkana, bieten die Gelegenheit für die unterschiedlichsten spannenden Spiele zu zweit, zu dritt oder mit mehreren Spielern, die sich mit den Zahlbedeutungen gegenseitig übertrumpfen wollen. Denn die Tarot-Karten hatten, wie alle anderen Kartendecks auch, die zum Blick in die Zukunft benutzt werden, zunächst eine ganz profane Bedeutung: sie sollten die Menschen unterhalten. Allerdings kursiert in Kartenleger-Kreisen auch eine historische Anekdote, welche das Zustandekommen von Tarot-Karten ganz anders herleiten will als aus der Spiellust der Menschen. Demzufolge hat der ägyptische Gott Thot, der über die Sprache und die Wissenschaft herrscht und als Gott der Weisheit gilt, angeblich das ganze Geheimwissen der Pharaonen in ein kompaktes Spiel komprimiert, um es solcherart zu erhalten und vor Verfolgung zu sichern.

 

Denn der kluge Gott schwebte nicht nur in höheren Sphären, sondern war auch ein guter Menschenkenner und wusste, dass die Menschen der Weisheit nicht immer zugeneigt sind, immer jedoch dem Spiel, und dass eine Weisheitslehre insofern nirgendwo sicherer untergebracht werden könnte als in einem Set von Spielkarten. Denn diese ansprechenden Karten, spekulierte Thot der Sage nach, sollten die Gezeiten der Geschichte überdauern und auch in ferner Zukunft noch dem Weisen Erleuchtung bringen – dem Narren jedoch nur Spiel…

 

Das Tarot ist insofern eine gelungene Mischung aus Spiel und Orakel für Prognosen, denn abgesehen vom reinen Unterhaltungscharakter sind tatsächlich weitreichende Symbole auf ihm abgebildet, die einen Aussagecharakter weit über die kurzfristige Deutung hinaus besitzen. Kenner des Tarots sagen oftmals, dass es das nicht nur das älteste bekannte Kartenspiel in der Historie ist, sondern abgesehen von seinem Alter auch inhaltlich das vollständigste, tiefsinnigste und auch psychologisch klügste Orakel darstellt, das man überhaupt zur Zukunftsdeutung befragen kann, und dass eine ganze Reihe von esoterischen Mysterien in seine Bildwelt geborgen ist.

 

                                      

 

Insbesondere die sogenannten „großen Arkana“, die Trumpfkarten, sollen nicht nur typisch menschliche Lebenssituationen darstellen und insofern für jeden Ratsuchenden eine Bereicherung sein, sondern zugleich auch einen mystischen Einweihungsweg skizzieren, der von der Karte Null (Der Narr) bis zur Karte 21 (Die Welt) hin sich ausstreckend einen Bogen der Erkenntnis beschreibt. Ein Orakelspiel mit vielen Facetten also, das jeden Ratsuchenden im Grund dort abholt, wo er gerade steht, und ihm – je nach seiner eigenen persönlichen Reife und Eignung – entweder kurzfristigen Rat, oder auch einen tiefen Einblick in spirituelle Geheimnisse offenbaren kann.

 

Weisheit oder Unterhaltung? Das Tarot-Deck als geschichtlich älteste Art, Geheimwissen in Bilder zu packen, ist nicht das einzige Orakel seiner Art. Auch andere Kartendecks enthüllen, richtig befragt, die nähere oder fernere Zukunft des Ratsuchenden und stellen insofern Varianten der Methode dar, durch Bilder vermittelt Einblicke in die geistige Welt zu erhalten, in der die Zukunft geborgen ist. Historisch etwas jünger als das Tarot ist das Skat-Spiel, welches ebenfalls aus Italien stammt, wie sein Name schon verrät: „scatare“ heißt auf Italienisch „abheben, eine Karte aufheben“. Vier sogenannte Farben auf den Skat-Karten – Herz, Karo, Kreuz und Pik – stellen nicht nur konkrete Zahlenwerte dar, sondern auch Tendenzen im aktuellen Lebensgeschehen, wobei die Herzen logischerweise für die Liebe stehen, das Karo für die Finanzen und das gesellschaftliche Ansehen, das Kreuz für das Schicksal und das Pik für bestimmte Personen oder Ereignisse, die sich mit einer gewissen Dramatik einstellen.

 

Durch das aufschlussreiche Skat-Spiel können ebenfalls Ereignisse in der Zukunft gedeutet werden, indem man die Personenkarten (meist Herz-Dame und Herz-König) als Indikatoren für den Fragesteller selbst nimmt und alle Ereignisse deutet, die man in seinem oder ihrem Umfeld erkennt. In der Renaissance und bis ins späte 18. Jahrhundert hinein waren Zukunftsdeutungen aus den Karten fast immer Prognosen aus dem Skat oder aus dem Tarot, weil andere, heute eher gebräuchliche Kartendecks erst später in der Geschichte erfunden wurden. So stammt das aktuell so beliebte Lenormand-Deck aus dem frühen 19. Jahrhundert. Zwar lebte die Namensgeberin Anne-Marie Lenormand zurzeit von Napoleon – dem sie auch einmal die Karten gelegt haben soll – doch sie selbst hat keine eigenen Karten überliefert, weil das Deuten aus dem Kartenbild zu ihrer Zeit noch stellenweise unter amtlicher Verfolgung stand. Erst nach ihrem Tod 1843 kamen bunte Kartendecks auf, die sich „Karten nach Mademoiselle Lenomand“ nannten und angeblich in der Tradition ihres tatsächlich benutzten Decks standen, doch die Authentizität dieser Karten ist umstritten.

 

                              

 

Immerhin wissen wir heute, dass es Varianten dieses spannenden 36-teiligen Kartenspiels schon in Frankreich, Holland und Deutschland gab, bevor es seinen Siegeszug um die Welt antrat. Ebenfalls im 19. Jahrhundert, als das professionelle Kartenlegen mehr und mehr in Mode kam – und die Verfolgung in den meisten Ländern eingestellt wurde – entstanden im Kulturkreis der österreichisch-ungarischen Monarchie die Kartendecks der sogenannten Zigeunerkarten und der Kipper-Karten. Hierbei handelt es sich um ebenfalls 36 liebevoll illustrierte Bildkarten mit konkreten Bedeutungen um die Wechselfälle des Lebens, die aufgrund ihrer Aussagen insbesondere für das Kartenlegen zur Liebe geeignet sind. Heute kommen fast wöchentlich neue Bildsysteme hinzu, wie die zauberhaften Engel- oder Elfen-Karten nach Doreen Virtue und viele andere esoterische Decks, welche das Kartenlegen für moderne Deuter entscheidend inspirieren.

 

Doch gleich ob mystisches Tarot, unterhaltsames Skat, klassisches Lenormand, nostalgisches Kipper oder New-Age-Karten: die Faszination des Zukunftsdeutens aus den Karten stellt einen unablässigen Strom der menschlichen Alltagskultur dar, der von seinen ersten Anfängen in der italienischen Renaissance (oder gar, der Sage nach, dem alten Ägypten) bis in die postmoderne Gegenwart reicht…